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Skelett eines Brancasaurus in einer Glasvitrine

Fossil des Jahres 2026

Besondere Fossilien verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die Paläontologische Gesellschaft zeichnet darum jedes Jahr ein ganz besonderes Fossil mit dem Titel „Fossil des Jahres“ aus.

Fossilien sind einmalige Zeugnisse der Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten. Sie liefern uns Hinweise auf oft dramatische Veränderungen der Umwelt und der Lebensbedingungen über unvorstellbar lange Zeiträume. Anschaulich zeigen sie, wie die heutige Vielfalt der Organismen im Laufe der Evolution entstanden ist, und dokumentieren auch Lebensformen, die heute nicht mehr existieren.

Vier Skelette, präsentiert in drei westfälischen Museen, sind unter maßgeblicher Beteiligung von Bürgerwissenschaftler:innen erforscht worden und begeistern Besuchende der Region seit Jahren für das Leben des Erdmittelalters. Als sog. Holotypen dienten alle vier Fossilien zur Definition neuer Gattungen und haben damit unser Wissen um die vergangene Biodiversität entscheidend erweitert. Gut 200 Jahre nach der Ersterwähnung der Plesiosaurier rücken die „Westfälischen Plesiosaurier“ als Fossil des Jahres 2026 diese faszinierende Tiergruppe in den Fokus.

Dem Fossil des Jahres wird durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen breitere Aufmerksamkeit zuteil und das bringt die Paläontologie der Öffentlichkeit näher.

Vorschläge, ein besonderes Fossil zum Fossil des Jahres zu ernennen, können jederzeit bei der Geschäftsstelle der Paläontologischen Gesellschaft eingereicht werden.

Nicht nur in Westfalen: Deutschlands Plesiosaurier

Plesiosaurier

Die „Westfälischen Plesiosaurier“ umfassen vier Gattungen und bilden einen weltweit einzigartigen Querschnitt eines etwa 135 Millionen Jahre währenden evolutionären Sonderweges unter den Wirbeltieren ab.

Zeichnung von viel langhälsigen Schwimmsauriern (Plesiosauriern): Westphaliasaurus, Arminisaurus, Brancasaurus und Rhaeticosaurus

Fundorte der Fossilien

Obwohl Westfalen bislang die einzige Region in Deutschland ist, die Plesiosaurier-Skelette aus allen Systemen des Erdmittelalters geliefert hat, sind fossile Überreste dieser Tiere auch aus anderen Teilen des Landes bekannt. Hierbei sind insbesondere Schwaben, Franken, das Harzumland und Vorpommern zu nennen, wo Jura und Unterkreide spektakuläre Funde geliefert haben. Originale und Abgüsse entsprechender Fossilien sind an viele verschiedene Museen gelangt, national wie international. Als Fossil des Jahres 2026 heben die Westfälischen Plesiosaurier daher nicht nur eine regionale Besonderheit und eine aus evolutionsbiologischer Sicht außergewöhnliche Gruppe hervor. Vielmehr stehen die vier Skelette stellvertretend für die über 120 Arten umfassenden Plesiosauria als Ganzes und ihren umfangreichen Nachweis in Deutschland.

Karte von Westfahlen, eingefärbt sind die Fundorte der Fossilien.

Archiv der Evolution

Die Region Westfalen ist reich an Gesteinen aus den Zeitabschnitten Trias, Jura und Kreide, die teilweise sehr fossilführend sind. Zu den paläontologisch wertvollsten Funden zählen vier Plesiosaurier-Holotypen, die in dieser Zusammenstellung aufgrund ihres Alters und ihrer Erhaltung einen einmaligen Querschnitt durch die Evolution dieser sehr erfolgreichen Gruppe mariner Reptilien bilden.

Evolutionärer Sonderweg

Plesiosaurier sind einerseits ein klassisches Beispiel für Landwirbeltiere (Tetrapoden), die sich nachträglich an ein Leben im Wasser angepasst haben, wie es auch bei Krokodilen, Schuppenkriechtieren, manchen Vögeln und Säugern in unterschiedlichem Maße erfolgt ist. Andererseits zeigen die Plesiosaurier einzigartige Innovationen. Hierzu zählen vier flossenartige Extremitäten, die – unter den Tetrapoden eine Besonderheit – in Größe und Bau nahezu identisch sind. Markant ist auch der Hals vieler Plesiosaurier, der gegenüber dem Schwanz ungewöhnlich lang ausgebildet ist und aus mehr als 70 Wirbeln bestehen kann. Dieses eigenwillige Aussehen ließ Georges Cuvier in den frühen Funden zunächst eine Fälschung vermuten und verleitete Edward D. Cope folgenschwer dazu, den Schädel an der Schwanzspitze eines Skelettes zu platzieren.

Das heute noch starke wissenschaftliche Interesse an Plesiosauriern spiegelt sich in einer wachsenden Vielzahl von Publikationen wider, die sich beispielsweise mit der Fortbewegung, Evolution und Systematik dieser Tiere auseinandersetzen.

Die Westfälischen Vier

Die „Westfälischen Plesiosaurier“ nehmen in mehrfacher Hinsicht Schlüsselpositionen im Verständnis dieser Tiergruppe ein. So erhellt Rhaeticosaurus mertensi als ältester und einziger Nachweis eines zusammenhängenden Skelettes aus der Trias die evolutionäre Frühphase der Plesiosaurier. Aus dem frühjurassischen Zeitabschnitt des Pliensbachiums liegen weltweit nur sehr wenige fossile Zeugnisse von Meeresreptilien vor. Aus Westfalen stammen gleich zwei Funde, die hier eine Kenntnislücke füllen. Das recht vollständige Skelett von Westphaliasaurus simonsensii stammt aus einer Tongrube in der Nähe von Höxter. Arminisaurus schuberti ist etwa fünf Millionen Jahre jünger, fällt aber noch in die Zeit der Pliensbachium-Lücke. Der einzige Nachweis ist ein Teilskelett, das aus der Nähe von Bielefeld stammt. Der aus dem westmünsterländischen Gronau bekannte Brancasaurus brancai ist eines der vollständigsten Skelette der Unterkreide und dokumentiert die einstige Präsenz dieser Tiere auch im Brackwasser.

Ausstellungsorte

Die Westfälischen Plesiosaurier bieten einen einzigartigen Querschnitt durch die Evolution der Plesiosaurier. Sie werden durch vier Skelette repräsentiert, die in vier Museen zu sehen sind:

  • Im Geomuseum der Universität Münster ist Brancasaurus brancai zu sehen. Dieses Skelett stammt aus Gronau und gilt als eines der vollständigsten Exemplare aus der Spätzeit der Plesiosaurier. Es ist zudem durch Fossilien weiterer Individuen bekannt und zeigt, dass diese Tiere auch das Brackwasser eroberten.
  • Im LWL-Museum für Naturkunde in Münster ist ab Anfang Februar das Fossil von Rhaeticosaurus mertensi aus Warburg-Bonenburg zu sehen. Es handelt sich dabei um das weltweit älteste Skelett aus der Gruppe der Plesiosaurier.
  • Im Dobergmuseum in Bünde, in der Außenstelle des LWL-Museums, wird von Februar bis April ein Teilstück von Westphaliasaurus simonsensii aus Nieheim-Sommersell ausgestellt. Ab Juli wird das gesamte Westphaliasaurus-Skelett dann im LWL-Museum in Münster präsentiert.
  • Im Naturkunde-Museum Bielefeld befindet sich Arminisaurus schuberti. Das Fossil aus dem Bielefelder Stadtteil Jöllenbeck wurde ausschließlich durch einen einzigen Fund bekannt. Westphaliasaurus und Arminisaurus stammen beide aus einem Zeitschnitt, aus dem Plesiosaurier-Fossilien weltweit sehr selten sind.

Begleitprogramm zum Fossil des Jahres 2026

Buchvorstellung "Die Welt der Plesiosaurier - Paläontologische Abenteuer"

Mit den Autoren Dr. Achim Schwermann & Sven Sachs

Am 2. Februar 2026 um 19:00 Uhr stellen Dr. Achim Schwermann und Sven Sachs im Planetarium des LWL-Museums für Naturkunde ihr neues Buch "Die Welt der Plesiosaurier - Paläontologische Abenteuer"  vor und geben Einblicke in die Erkenntisse der Fossilienfunde der Westfälischen Plesiosaurier.

Anhand von vier bedeutenden Fossilienfunden aus Westfalen wird die Evolution dieser Meeresreptilien von ihrem Ursprung in der Trias bis zu ihrem Aussterben am Ende der Kreidezeit präsentiert. Die vier Funde stellen zugleich als FOSSIL DES JAHRES 2026, das von der Paläontologischen Gesellschaft gekürt wird, besondere Botschafter der Erdgeschichte dar. Die Veranstaltung beginnt mit einer kurzen Einführung von Prof. Dr. Alexander Nützel, Präsident der Paläontologischen Gesellschaft. Anschließend wird das Buch von den Autoren, dem Paläontologen Dr. Achim Schwermann vom LWL-Museum für Naturkunde sowie Sven Sachs vom Naturkundemuseum Bielefeld, vorgestellt.

Eintritt: Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Weitere Informationen finden Sie hier...

Begleitbuch

Die Welt der Plesiosaurier - Paläontologische Abenteuer

Achim Schwermann & Sven Sachs  (Autoren) , Jan Ole Kriegs (Hrsg. 2026):
Die Welt der Plesiosarier - Paläontologische Abenteuer
LWL-Museum für Naturkunde, 267 Seiten
ISBN 978-3-912101-02-7
Preis: 20 Euro (zzgl. Porto und Verpackung)

Im Museumsshop erhältlich und online bestellbar.

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Buchcover "Die Welt der Plesiosarier - Paläontologische Abenteuer"