Mit einem Londoner Taxi das Gehirn erklären

Die Ausstellungsmacherinnen Dr. Julia Massier, Nicola Holm und Lisa Klepfer (v.li.) freuen sich, dass das Taxi in der Ausstellung angekommen ist. Foto: LWL/Steinweg

Am Montag (16.4.2018) wurde ein original Londoner Taxi ins Museum geliefert. Das Taxi spielte eine wichtige Rolle in der Sonderausstellung „Das Gehirn – Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl“ und wurde von den Museumsmitarbeitern noch technisch angepasst. Den Zusammenhang zwischen diesem größten technischen Objekt der Sonderausstellung und der Thematik Gehirn lieferte ein Experiment britischer Forscher, das in der wissenschaftlichen Welt für großes Aufsehen gesorgt hat.

Foto: LWL/Steinweg

Die Straßenverläufe in Londons Stadtkern sind verwinkelt und ohne erkennbare Ordnung angelegt. Für Außenstehende ist die Orientierung ohne Navigationssystem eine nahezu unlösbare Aufgabe. Der Zulassungstest für Londoner Taxifahrer gilt deshalb als einer der schwersten weltweit. Die Probanden bereiten sich zwei bis vier Jahre darauf vor, indem sie sich Tausende Straßenverläufe, Straßennamen und sehenswerte Orte einprägen. Forscher des University College London nahmen diese außergewöhnliche Gedächtnisleistung Anfang des Jahrtausends als Grundlage für ein wissenschaftliches Experiment: Können sich Nervenzellen in Gehirnen von erwachsenen Menschen noch anpassen oder sogar neu entwickeln?

„Die Neurowissenschaft war lange der Meinung, dass die Entwicklung des Gehirns mit Erreichen des Erwachsenenalters komplett abgeschlossen ist“, erklärt Ausstellungsmacherin Nicola Holm. Deshalb untersuchten die Forscher mit Hilfe von Scans die Gehirne angehender Fahrer einmal vor der Ausbildung und ein weiteres Mal nach bestandener Prüfung. Zu Vergleichszwecken wurden auch diejenigen untersucht, die die Ausbildung abbrachen sowie weitere Personen, die keine Straßennamen und Orte lernen mussten.
Es wurde nachgewiesen, dass sich eine bestimmte Hirnregion weiter entwickelt hatte. Der Hippocampus, die zentrale Schaltstation des Ortsgedächtnisses, zeigte sich somit auch im Erwachsenenalter noch lernfähig und flexibel. „Diese Studie hat damit erstmals bewiesen, dass sich auch bei Erwachsenen noch neue Nervenzellen bilden können und sich das Gehirn somit wortwörtlich verändern kann“, so Holm.

Foto: LWL/Steinweg

Das Taxi zum Ausstellungsstück umgebaut hat Joachim Bachmann aus Marl. Der Autoliebhaber hat viel Arbeit in die Wiederherrichtung der Karosserie des 1973 in Betrieb genommenen Fahrzeugs gesteckt. Außerdem hat er den im Museum nicht benötigten Motor aus Sicherheitsgründen komplett ausgebaut. „Für die Museumsgäste wurde das Taxi als begehbare Hörstation präsentiert. Während im Innenraum eine Audiospur abgespielt wurde, die die wissenschaftlichen Hintergründe zum Experiment erläuterte, wurden auf der Windschutzscheibe Aufnahmen einer Autofahrt durch Londons Innenstadt gezeigt, die die Atmosphäre des Stadtverkehrs einfingen“, erklärt Holm.

Foto: LWL/Steinweg

Hintergrund zur Ausstellung

Das LWL-Museum für Naturkunde in Münster zeigte vom 29. Juni 2018 bis zum 05. Januar 2020 die inklusive Sonderausstellung „Das Gehirn – Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl“. Auf 1.200 Quadratmetern lernten Besucherinnen und Besucher die anatomische Vielfalt und die enormen Leistungen dieses komplexen Organs kennen. Im Gehirn werden sämtliche Reize verarbeitet. Die Persönlichkeit formt sich, Gefühle entstehen, Pläne werden geschmiedet und Traumwelten erschaffen. Im Fokus der Ausstellung standen neben dem Menschen die künstliche Intelligenz und die Welt der Tiere. Die Ausstellung war dank Brailleschrift, einem speziellen, mehrsprachigen Audioguide und Tastmodellen für Menschen mit Sehbehinderung genauso geeignet wie für Sehende oder für Hörbehinderte, die an den Mitmachstationen ihre übrigen Sinne erforschen konnten. Begleitend zur Ausstellung wurden museumspädagogische Programme für Kinder und Jugendliche sowie Führungen für Erwachsene angeboten.

 

LWL-Museum für Naturkunde, Sentruper Str. 285, 48161 Münster.
Weitere Infos unter Telefon: 0251 591 6050 (Servicezeiten: Mo-Fr 8.30-12.30 Uhr, Mo-Do 14-15.30 Uhr).