Blick hinter die Kulissen: Wespenspinnen-Modell

Geschenke zur Vermählung gibt es nicht nur bei menschlichen Hochzeiten, sondern auch im Tierreich: Skorpionsfliegen etwa offerieren ihren Weibchen ein Brautgeschenk zur Paarung. Es handelt sich dabei um ein totes Insekt oder sogenannte Speichelbonbons. Das Geschenk wird während der Paarung verzehrt.

Die Geschenke können jedoch auch recht bizarr wirken, da sie oftmals Teile des eigenen oder sogar des ganzen Körpers beinhalten. So werden die Männchen vieler Spinnenarten nach dem Akt von den Weibchen verzerrt. Diese Verhaltensweise wird als sexueller Kannibalismus bezeichnet und kommt bei Spinnen, sowie Fangschrecken häufig vor.

Wespenspinnenmodell. Foto: Hanne Moschkowitz

In der Ausstellung ist ein Modell einer Wespenspinne (Maßstab 20:1) bei der Paarung zu sehen. Die Diplom Designerin und Modellbauerin Julia Stoess hat alle Körperteile der Wespenspinne maßstabsgerecht vergrößert modelliert, mit Silikon abgeformt und anschließend mit Kunststoff ausgegossen, die Haare implantiert und das Modell coloriert. Die Anfertigung des Modells hat ca. 5 Monate gedauert.

Julia Stoess ist Diplom Designerin und baut Insekten-und Spinnenmodelle für Naturkundemuseen in Europa. Ihre Modelle stehen mittlerweile in 30 Naturkundemuseen in vier europäischen Ländern.


Die Modellbauerin Julia Steoss mit einem Käfer auf der Hand. Foto: Hanne Moschkowitz

Je gründlicher die Vorarbeit ist, desto leichter fällt später die dreidimensionale Umsetzung. Genaueste Studien, in der Regel am lebenden Tier, sind Voraussetzung für die Arbeit von Julia Stoess. Da Wespenspinnen im Sommer mittlerweile häufig bei uns anzutreffen sind, ist das Beobachten in freier Natur ebenso spannend wie lehrreich. Einige Tiere werden dann mikroskopiert und gezeichnet. Dieser altmodisch anmutende und zeitaufwändige Arbeitsschritt ist für Stoess außerordentlich wichtig, denn durch die intensive Beschäftigung mit dem Tier und das Zeichnen aller Körperteile von allen Seiten entsteht langsam ein Bild im Kopf der Designerin. REM Fotos und digitale Makroaufnahmen mit sehr großer Tiefenschärfe (focus stacking), Micro CT und 3D- Druck tragen ebenfalls dazu bei, das Tier und seine Anatomie zu begreifen. Erst, wenn die Modellbauerin das Tier „verstanden“ hat, kann der Modellierprozess beginnen.

Wenn alle Körperteile des Modells maßstabsgerecht vergrößert modelliert sind, wird alles mit Silikon abgeformt und anschließend mit Kunststoff ausgegossen. Dann folgt die Feinarbeit, die oft viele Wochen Arbeit in Anspruch nimmt. Das Kolorieren mit Airbrushtechnik ist der Anfang. Da alle Insekten und Spinnen Haare, Borsten, Stacheln oder Schüppchen besitzen und diese oft als Bestimmungsmerkmale an genau definierten Stellen sitzen, muss hier mit großer Sorgfalt und viel Geduld gearbeitet werden. In der Regel muss für jedes Härchen ein kleines Loch gebohrt werden, in das es dann einzeln geklebt wird. Spinnen sind sehr behaart. Das Modell des Wespenspinnenweibchens hat alleine an einem Bein ca. 400 Härchen. Das macht bei acht Beinen 3200 einzeln eingeklebte Härchen. Dazu kommen noch all die Härchen an den restlichen Körperteilen. Wichtig bei der Gestaltung ist auch, dass die verwendeten Materialien alterungsbeständig und nach Möglichkeit UV-resistent sind. Schließlich soll das Museum, bzw. der Besucher jahrzehntelang Freude an den Modellen haben.


Auch wenn in unserem digitalen Zeitalter moderne Messtechniken und Materialien vieles vereinfachen, so bleibt doch noch viel „altmodische“ Handarbeit übrig. Wichtig während des gesamten Gestaltungsprozesses ist auch der begleitende Austausch mit Wissenschaftlern und Experten für die nachzubildende Tierart. Durch enge Zusammenarbeit mit Entomologen, Arachnologen, diversen Forschungseinrichtungen und dem Zoologischen Institut Hamburg stellt Stoess sicher, dass ihre Modelle wissenschaftlich exakt sind.

Wespenspinnenbein mit Pinzette. Foto: Hanne Moschkowitz

Bei der Gestaltung der Wespenspinnenmodelle, die ca. fünf Monate lang gedauert hat, haben Prof. Dr. Jutta Schneider aus Hamburg und Prof. Dr. Gabriele Uhl aus Görlitz die Künstlerin unterstützt und begleitet.


Weitere Informationen zu Julia Stoess gibt es unter www.insektenmodelle.de

Die Sonderausstellung „Sex und Evolution“ ist im LWL-Museum für Naturkunde Münster zu sehen. Auf einer Fläche von über 500 Quadratmetern präsentiert das LWL-Museum für Naturkunde das Thema „Sexualität“ als Motor der Evolution. Begleitend zur Sonderausstellung wird ein breites Spektrum an museumspädagogischen Programmen für Kinder und Jugendliche angeboten. Abgerundet wird das Angebot durch attraktive Führungskonzepte für Erwachsene. Zusätzlich finden wieder Literarische Rundgänge durch die Ausstellung sowie Begleitvorträge statt.

Geöffnet hat das Museum an der Sentruper Str. 285 in Münster von dienstags bis sonntags, 9-18 Uhr.