Blick hinter die Kulissen: Der Neandertaler in uns

Eine halbe Millionen Haare für die buckelige Verwandtschaft

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zeigt die Sonderausstellung „Sex und Evolution“ im LWL-Museum für Naturkunde in Münster. Den Besucher erwarten Einblicke in die verschiedensten Facetten der sexuellen Fortpflanzung im Tier-und Pflanzenreich und deren Bedeutung für die Evolution. Und auch der Mensch als Thema wird in der Schau nicht vernachlässigt. Die Figurenkünstlerin Lisa Büscher platzierte eine Neandertaler-Frau und einen Neandertaler-Mann, beide völlig nackt, auf ein Podest in der Ausstellung.

Foto: LWL/Oblonczyk

„Muskulöse Oberkörper, knackige Hintern, wilde Frisuren. Na gut, über die etwas wulstigen Augenbrauen und das fliehende Kinn muss man hinwegsehen“, sagt der Ausstellungmacher und Wissenschaftler Dr. Jan Ole Kriegs über die beiden Figuren. Für die Sonderausstellung wurden diese zwei lebensecht aussehenden Neandertaler geschaffen, die „durchaus nicht ganz unattraktiv sind“, so Kriegs.

Foto: Lisa Büscher

In monatelanger Feinarbeit wurden die Figuren in einem komplizierten Prozess im Berliner Atelier der Künstlerin erstellt. „Viele Arbeitsschritte sind natürlich Betriebsgeheimnis.“ sagt Lisa Büscher, „ich kann aber verraten, dass pro Figur eine halbe Million Haare von Hand eingepflanzt werden mussten.“ Nicht nur die Haare sehen echt aus, jede Pore, jedes Hautfältchen und jeder Schimmer einer unter der Haut liegenden Vene wurden lebensecht nachempfunden.

„Doch was erzählt uns diese Inszenierung in der Ausstellung, was haben Neandertaler und Sexualität miteinander zu tun?“, fragt Büscher den Ausstellungsmacher. Der Wissenschaftler erklärt: „Mit der Entschlüsselung des Erbguts der Neandertaler und unseres eigenen Genoms kam in den letzten Jahren Verblüffendes heraus: Neandertaler, die schon vor dem modernen Menschen in Europa und Vorderasien lebten, sind nicht nur eine uns sehr nahe verwandte Menschenart – sie stehen uns näher als manch einem lieb ist. Vor ca. 70.000 Jahren, als die modernen Menschen aus Afrika auswanderten, scheinen unsere Vorfahren an so manchem Neandertaler Gefallen gefunden zu haben.“ Die Lösung ist also ganz einfach, Neandertaler und Menschen hatten Sex miteinander. „Unter den Vorfahren der frühen Europäer, Asiaten und Amerikaner gab es Mischlinge aus modernen Menschen und Neandertalern. Genvergleichen zufolge haben wir als Mitteleuropäer bis zu 4 % unserer DNA von den Neandertalern geerbt“, erläutert Kriegs und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Der Neandertaler steckt also in jedem von uns“.

Foto: LWL/Oblonczyk

Die gelernte Spezialeffekt- Maskenbildnerin Lisa Büscher hat bereits mehrfach für das LWL-Museum für Naturkunde lebensecht aussehende Figuren hergestellt. Sie betreibt in Berlin das Figurenbau-Atelier „Lifelike“. Neben ihrem heutigen Tätigkeitsschwerpunkt Figurenbau studierte sie zudem Illustration und arbeitete im Rahmen ihrer Tätigkeit als Maskenbildnerin bei verschiedenen Filmprojekten bereits mehrfach im europäischen Ausland. Nun fertigte sie das Neandertaler-Paar in Originalgröße für das Museum an.

Weitere Informationen zur Modellbauerin Lisa Büscher gibt es unter www.lifelike-figures.com

Hintergrund zur Ausstellung

Die Sonderausstellung „Sex und Evolution“ ist im LWL-Museum für Naturkunde Münster zu sehen. Auf einer Fläche von über 500 Quadratmetern präsentiert das LWL-Museum für Naturkunde das Thema „Sexualität“ als Motor der Evolution. Begleitend zur Sonderausstellung wird ein breites Spektrum an museumspädagogischen Programmen für Kinder und Jugendliche angeboten. Abgerundet wird das Angebot durch attraktive Führungskonzepte für Erwachsene. Zusätzlich finden Literarische Rundgänge durch die Ausstellung sowie Begleitvorträge statt. Geöffnet hat das Museum an der Sentruper Str. 285 in Münster von dienstags bis sonntags, 9-18 Uhr.