Wanze als Westfälischer Neubürger

Elena Peter, ehemalige Volontärin in der geologischen Präparationswerkstatt, mit dem Modell einer Kiefernwanze. Foto: LWL/Steinweg

Vergrößertes Modell in neuer Dauerausstellung

In ihrer Heimat als Schädling bekämpft, interessiert sie hierzulande Biologen und Tierfreunde gleichermaßen: Als neue Art ist die „Amerikanische Kiefernwanze“ nach Westfalen verschleppt worden. Das kleine Insekt können Besucher im LWL-Museum für Naturkunde auch ohne Mikroskop ganz groß erleben. Als Teil der neuen Dauerausstellung „Vom Kommen und Gehen - Westfälische Artenvielfalt im Wandel“ wird dieser sogenannte Neubürger vorgestellt. Elena Peter, Volontärin in der geologischen Präparationswerkstatt, hat das Tier in monatelanger Feinarbeit als Modell vergrößert.

Modell einer Kiefernwanze. LWL/Steinweg

Insgesamt vier Monate hat die Museumspräparatorin Peter an dem Anschauungsmodell der Wanze im Maßstab 1:20 gearbeitet. „Komplett per Hand und in Eigenregie“, wie sie stolz berichtet. Zu Beginn ihrer Arbeit lag eine maßstabsgetreue Darstellung der Kiefernwanze vor – jedoch nur als Fotografie. „Unser Museumsfotograf hat mehrere Nahaufnahmen eines ca. 1,5 Zentimeter großen Tieres gemacht und diese dann auf circa 30 Zentimeter Körperlänge vergrößert“, erklärt Peter. Der schwierigste Arbeitsschritt ergab sich anfangs, mit der Ausformung des Wanzen-Körpers aus einem quadratischen Block Polyurethan-Hartschaum: „Natürlich helfen dabei die Fotos. Ihnen fehlt es aber an der nötigen Tiefe, die das Modell letztlich braucht.“ Unter anderem zum Schutz dieses Rohlings wurde er anschließend mit Modellierknete (Plastilin) ummantelt. Dadurch konnten aber auch feine Details eingearbeitet und störende Partien oder Unebenmäßigkeiten ausgeglichen werden. Anschließend wurde eine Silikonform davon hergestellt. In Kunstharz abgegossen, kann das Modell nun der Weiterverarbeitung und jahrelangen Verwendung im Museum standhalten.

Vom modellierten Körper wurde eine Silikonform erstellt, mit deren Hilfe letztlich der eigentliche Kunstharz-Körper gegossen werden konnte. Foto: LWL/Peter

Eineinhalb Monate verbrachte Peter anschließend mit dem Modellieren der Gliedmaßen: Beine, Fühler, Rüssel und sogar Gelenke. Diese wurden aus Stabilitätsgründen erneut in Kunstharz verfestigt „Das ist sehr kleinteilige Arbeit, wenn man alle Einzelheiten und Abmessungen beachtet“, berichtet die Volontärin. Für etwas mehr Transparenz und einen natürlich wirkenden Panzer, griff sie anschließend zu Airbrush-Farbe und Pinsel. Eine ergänzende Schicht Klarlack soll helfen, die aufwendige Koloration vor Feuchtigkeit und Lichteinflüssen zu schützen.

„Unter dem Mikroskop erkennt man, dass die Härchen der Kiefernwanze verschiedenfarbig sind“, so Peter. Zur realistischen Umsetzung griff sie daher auf verschiedene Materialien aus dem Tierreich zurück, die ihr die Präparationswerkstatt bot. Somit vereint das Wanzenmodell nicht nur verschiedene Kunststoffe, sondern auch natürliche Haartypen von Känguru, Wolf und Co. Die winzigen Wiederhaken an den Schenkeln der Wanze reproduzierte die Präparatorin aus Rosendornen. Abschließend musste Elena Peter doch noch auf unnatürliche Weise tricksen: „Für die Krallen an den Tarsen (Füße) habe ich Gardinennadeln benutzt und für deren Krümmung angeflämmt.“

Von den Rocky Mountains ins Münsterland: Was rein geografisch gegensätzlich anmutet, hat die amerikanische Kiefernwanze nicht daran gehindert, sich im Flachland Westfalens zu verbreiten. 2004 stießen Biologen auf das deutschlandweit erste Exemplar in Warendorf – möglichweise ein „blinder Passagier“ in Pferdeboxen oder Containern aus Übersee. Als Neobiont (grie. „neues Leben“, auch Neubürger genannt) gibt die hierzulande noch als unschädlich eingestufte Wanze ein greifbares Beispiel zum Themenschwerpunkt „Artenwandel“, den die neue Ausstellung des Museums in den Fokus rückt.

Hintergrund zur Ausstellung

Das LWL-Museum für Naturkunde in Münster zeigt ab dem 30. Juni 2017 die neue Dauerausstellung „Vom Kommen und Gehen - Westfälische Artenvielfalt im Wandel“. Auf 320 Quadratmetern erleben Besucher auf einer Zeitreise das Kommen und Gehen von Tieren und Pflanzen. Die Belege eiszeitlicher Knochenfunde verschwundener Tierarten sind als Originale in der Ausstellung zu sehen. Besucher können die Tier- und Pflanzenwelt Westfalens entdecken und sich über aktuelle Forschungsergebnisse informieren. Die Ausstellung ist dank Brailleschrift, einem speziellem Audioguide und Tastmodellen für Menschen mit Sehbehinderung genauso geeignet wie für Sehende oder Hörbehinderte. Begleitend zur Ausstellung werden museumspädagogische Programme für Kinder und Jugendliche sowie Führungen für Erwachsene angeboten.

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