Der Einbaum – historisches Fortbewegungsmittel der Westfalen

Interview mit Museumsdirektor und Ausstelltungsmacher Dr. Jan Ole Kriegs

Foto: LWL/Steinweg

Was ist ein Einbaum?

Jan Ole Kriegs: Der Einbaum ist die erste und einfachste Form von einem Boot. Wie der Name schon sagt, ist er aus einem einzigen Baumstamm gefertigt.
 

Wie wird er gebaut?/ Welches Material wird verwendet?

Jan Ole Kriegs: Zunächst wird der Baum gefällt, bearbeitet und anschließend ausgehöhlt oder ausgebrannt. Teilweise werden sogar Sitzbänke im Boot aus dem Stamm heraus gearbeitet. Verwendet werden die verschiedensten Baumarten. Je nachdem, was gerade zur Verfügung steht. Unser Einbaum ist aus Eiche.

 

Dr. Birgit Münz-Vierboom (re.), Leiterin der Zentralen Dienste der LWL-Archäologie, übergibt Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs den Einbaum. Foto: LWL/Burgemeister

Wer baut diese Art von Booten?

Jan Ole Kriegs: Unterschiedlichste Völker aus allen Teilen der Erde haben dort, wo es Bäume gibt, Einbäume gebaut. Auch heute noch wird diese frühe Bootsform in vielen Regionen der Erde genutzt, so zum Beispiel in Südamerika oder auf Neuguinea.

 

Woher stammt der Einbaum, der hier im LWL-Museum für Naturkunde gezeigt wird?

Jan Ole Kriegs: Der Einbaum, den wir hier im LWL Museum für Naturkunde im Rahmen der Sonderausstellung „Wasser bewegt“ zeigen, ist tatsächlich ein echter westfälischer Einbaum. Er wurde 1866 in Werne an der Lippe gefunden. Wahrscheinlich wurde er auf der Lippe zum Fischen oder zu Transportzwecken eingesetzt. Er ist über 1.000 Jahre alt. Er stammt vermutlich der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Es gibt sogar noch ältere Funde von westfälischen Einbäumen. Sie stammen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus und wurden vermutlich ebenfalls auf der Lippe eingesetzt. Die Art und Weise des Baues von Einbäumen hat sich in dieser Zeit nicht grundlegend verändert. Denn was sich einmal bewährt, das ändert der Westfale nicht so schnell.

Der Einbaum wurde von einem auf Museumstransporte spezialisierten Unternehmen aus Köln aus dem Magazin der LWL-Archäologie am Speicher 12 vorbereitet. Foto: LWL/Burgemeister

Wie alt ist die Tradition des Einbaums?

Jan Ole Kriegs: Einbäume wurden hierzulande mindestens von der Jungsteinzeit bis in die frühe Neuzeit hinein verwendet. Dies belegen Funde, etwa aus der Steinzeit. Es brauchte ja nicht viel, um so ein Boot herzustellen. Vermutlich wurden die Boote auch damals schon zum Fischen eingesetzt.

Der 6,30 Meter lange Einbaum wurde von der LWL-Archäologie für Westfalen in das Museum gebracht und äußerst vorsichtig aus dem LKW geholt, damit er nicht zerbricht. Foto: LWL/Steinweg

Warum sollte der westfälische Einbaum unbedingt in der Ausstellung „Wasser bewegt“ gezeigt werden?

Jan Ole Kriegs: Der westfälische Einbaum zeigt, dass auch in unserer Region das Wasser als Transportmittel und Nahrungsquelle bereits in frühester Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat. Natürlich hatte man selbst in der Antike schon die Möglichkeit, prunkvollere, größere Schiffe zu bauen. Der Einbaum war jedoch das „Schiff der kleinen Leute“. Obwohl man Westfalen sicher nicht in erster Linie mit Schiffsbau in Verbindung bringen würde, zeigt es, welche Bedeutung das Wasser auch in unserer Region hat. Hinzu kommt, dass der Einbaum im Vergleich mit heutigen Schiffen eine spannende Entwicklung im Schiffsbau aufzeigt.

Der Einbaum wird in die Ausstellungshalle der neuen Sonderausstellung „Wasser bewegt“ geschoben. Foto: LWL/Steinweg

Wofür steht der Einbaum in der Ausstellung?

Jan Ole Kriegs: Bei uns in der Ausstellung steht dieses einzigartige Fundstück für den Verkehr auf den damals noch recht wilden heimischen Flüssen, in diesem Fall auf der Lippe.“ Untergebracht wird das 6,30 m lange Boot im Ausstellungsbereich „Wirtschaft und Transportwege.

Die Ausstellungsmacherinnen Jana Johe (links, hinten) und Vanessa Rüttler (re., vorne)nehmen den Einbaum in Augenschein. Foto: LWL/Steinweg

Der 6,30 Meter lange Einbaum stammt aus dem Zentralen Fundarchiv der LWL-Archäologie für Westfalen in Münsters Speicherstadt.


Hintergrund zur Ausstellung

Das LWL-Museum für Naturkunde in Münster zeigt ab dem 30. September 2016 die inklusive Sonderausstellung "Wasser bewegt - Erde Mensch Natur". Auf 1.200 Quadratmetern lernen Besucher, welche Herausforderungen der Lebensraum Wasser birgt. In der Ausstellung werden Lebewesen vorgestellt, die perfekt an das Leben im Wasser oder an Leben ohne Wasser angepasst sind. Besucher aller Altersgruppen erleben die Schönheit, Kraft und die Bedeutung des Wassers für die Erde. Die Ausstellung ist dank Brailleschrift, einem speziellem Audioguide und Tastmodellen für Menschen mit Sehbehinderung genauso geeignet wie für Sehende oder für Hörbehinderte. Begleitend zur Ausstellung werden museumspädagogische Programme für Kinder und Jugendliche sowie Führungen für Erwachsene angeboten.